Schnelle und stromunabhängige Hilfe bei Herzstillstand
29.06.2012 – 10:00
Mobile Hypothermie-Notfallweste mit integrierten Kühl-Pads. ©Hohenstein Institute
Textile Kühlpads in neuartiger Hypothermie-Notfallweste sollen künftig neurologische Schäden nach einer erfolgreichen Wiederbelebung verhindern helfen. Das von Wissenschaftlern der Hohenstein Institute in Bönnigheim entwickelte System kommt ohne Strom aus und ist damit insbesondere für die Erstversorgung bei einem Herzstillstand optimal geeignet.
Denn was ist zum Beispiel zu tun, wenn ein Reisender in Bus, Bahn oder Flugzeug kollabiert? Jährlich erleiden allein in Europa circa 375.000 Menschen einen Herzstillstand.
Für die Betroffenen zählt ab jetzt jede Sekunde, denn mit jeder Minute, die bis zur Reanimation verstreicht, schwinden die Überlebenschancen der Patienten um zehn Prozent. Zwar sind inzwischen in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln Defibrillatoren zwingend vorgeschrieben, mit denen per Stromschlag das Herz wieder zum schlagen gebracht wird. Für die meisten Patienten mit Herzstillstand ist jedoch selbst die erfolgreiche Reanimation lediglich ein Teilerfolg – denn nur wenige überleben diese lebensrettende Maßnahme ohne neurologische Folgeschäden.
Um künftig solche neurologischen Schäden zu vermeiden, haben Wissenschaftler des Fachbereichs Hygiene, Umwelt & Medizin an den Hohenstein Instituten ein neues Therapieverfahren für Ersthelfer erarbeitet. Im Rahmen eines vom Land Baden-Württemberg geförderten Forschungsprojektes beim Ideenwettbewerb ‚Biotechnologie und Medizintechnik’, entwickelten die Wissenschaftler um Prof. Dr. Dirk Höfer den Prototyp einer textilen Kühlweste. Das neuartige Medizinprodukt verspricht eine verbesserte Akutbehandlung bei Herzstillständen indem es den Körper der Patienten sehr schnell abkühlt.
Autarke Kühl-Pads senken Körperkerntemperatur nach Eintreten eines Herzstillstandes
Hierzu entwickelten sie zunächst ein wasser- und absolut luftdichtes textiles Hohlgewebe, sogenannte Kühl-Pads, welche mit entsprechenden Anschlussmöglichkeiten versehen und in eine Weste integriert sind. Die Kühl-Pads sind mit einem unter Vakuum stehenden Metallbehälter verbunden, der ein spezielles Mineral (Zeolith) enthält. Beim Öffnen eines zwischengeschalteten Ventils wird das Wasser in den Pads schlagartig fast bis zum Gefrierpunkt heruntergekühlt und damit auch dem Körper des Patienten sehr effektiv Körperwärme entzogen. Das Kühlsystem auf Basis der Zeolith-/Wasser-Adsorptionstechnologie ist einfach konstruiert und erlaubt es, die Körperkerntemperatur nach Eintreten eines Herzstillstandes jederzeit und ortsunabhängig drastisch zu senken – und das ohne Elektrizität!
In Zukunft sollen die autarken Kühl-Pads moderne mobile Defibrillatoren (mit automatisierter EKG-Analyse) ergänzen und z.B. in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln von Ersthelfern ohne medizinische Kenntnisse eingesetzt werden. Patienten mit Herzstillstand haben damit eine deutlich bessere Chance nur geringfügige Folgeschäden davonzutragen.
Nina Grenningloh



